Klassismus II: BlackRock Merz

(Aus Joseph Vogl, „Kapital und Ressentiment“, S. 7f.)

„Information ist zur wichtigsten Ressource im gegenwärtigen Kapitalismus geworden.“ […] „Elektronische Netzwerke haben […] eine effektive Fusion von Finanz- und Informationsökonomie ermöglicht, die eine schnelle Expansion des Finanzsektors und die Hegemonie des Finanzkapitalismus bewirkte. Damit ist einerseits eine wirtschaftliche Handlungsmacht entstanden, die über nationale Grenzen hinweg in die Entscheidungsprozesse von Regierungen, Gesellschaften und Volkswirtschaften interveniert. Andererseits haben die Privatisierung des Internets, rechtliche Privilegien und die Kommerzialisierung von Information seit den 1990er Jahren auch zur Aufzucht neuer Medienkonzerne geführt, deren Geschäft die Aneignung von öffentlichen Infrastrukturen, in der Ausweitung privater Kontrollmechanismen und in der Erzeugung und Belieferung von Informationsmärkten besteht. Im Zusammenhang von Netzwerkarchitekturen, Plattformindustrie und Digitalfirmen sind die Steuerung von Gesellschaften und die Beherrschung öffentlicher Sphären selbst zu einem unternehmerischen Projekt geworden. Die damit ausgelösten Debatten über fragmentierte Öffentlichkeiten und politische Politisierung, über Demokratieverlust und eine aktuelle Konjunktur der Verlogenheit werden schließlich zum Anlass genommen, das Wechselverhältnis zwischen Wirtschaftsprozessen, Weltbezügen und Affektökonomien zu verfolgen. Dabei kommt dem Sozialaffekt des Ressentiments eine privilegierte Position zu: im gegenwärtigen Wirtschaftssystem fungiert er als Produkt und Produktivkraft zugleich und trägt gerade mit seinen politischen und sozialen Erosionskräften zur Stabilisierung des Finanz- und Informationskapitalismus bei.“ (Hervorheb. d.d.Verf.)

(S. 157ff.):

„Die Zirkulation von Information ist zur paradigmatischen Form kapitalistischer Ökonomie geworden.“ […] „Im Zeichen des gegenwärtigen Informationskapitalismus werden Seins- und Weltverhältnisse aus der Perspektive ihrer Bewirtschaftung kodiert und dargestellt.“[…]“Dabei wurde schon früh eine relevante Verknüpfung von Affekten und Passionen mit ökonomischen Prozessen und Marktsystemen konstatiert. Ältere Todsünden bzw. Hauptlaster wie […] Geiz, Neid oder Ausschweifung werden nun positiv gewendet und von der Feststellung begleitet, dass sich nicht die maßvollen Neigungen, sondern viel eher die maßlosen als wirklich erfinderisch, listig, schöpferisch und produktiv erweisen; […] Die Beobachtung einer systemischen und produktiven Verkopplung von Affekten und Ökonomie bzw. Marktprozessen reicht von der Funktionalität ehemaliger Sündenregister […] bis hin zu einer neueren Variante, die Karl Marx die <<abstrakte Genußsucht>> des Kapitalisten nannte. Er meinte damit einen enthemmten Bereicherungstrieb, welcher das soziale Feld durchdringt […]. Parallel dazu wurde seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter einer anderen Begriffsprägung eine ähnliche Affektlage und ein verwandter Seinsmangel entdeckt, in dem sich ein enthemmtes ökonomisches Streben mit der Erbschaft des alten Lasterkatalogs verschränkt.[…] Für die zeitgenössiche Analytik des Ressentiments wurde [vielmehr] ein allgemeines Ökonomieprinzip reklamiert, das man direkt auf die Epoche einer expandierenden Kapital- und Finanzwirtschaft in Europa, auf […] das Subjektformat eines modernen Wirtschaftsmenschenbeziehen wollte […], eine Spur [aus], die auf ein effizientes Wechselverhältnis zwischen der Zirkulation von Ressentiments und Kapitalismus verweist. Dabei sollte man zunächst einige Elemente in Erinnerung rufen, die seit Nietzsche für die Charakteristik ressentimentaler Strukturen namhaft gemacht wurden und sich über die verschiedenen Untersuchungen und Positionen hinweg erhalten haben. Dazu gehört erstens ein eigentümlich gebrochene Selbstaffirmation des Ressentiment-Subjekts, die sich nur als Resultat eines unbedingten Neins zu einem <<Außerhalb>>, zu einem <<Anders>>, zu einem <<Nicht-Selbst>> vollzieht und so also einer negativen Ableitung folgt. Mit dieser Umkehrung einer Negation zu einer verneinenden Selbstbejahung ist zweitens eine Verschiebung von Kräften verbunden, in der Aktion durch Reaktion und diese durch Hemmung ersetzt wird und damit eine passive Aktivität, in einen erzwungenen oder selbst auferlegten Handlungsstau, also eine Kultivierung von Ohnmacht mündet. Im Re- des Ressentiments […] wird signalisiert, dass blockierte (Re-)Aktionen zu einem Dauerhaften und unerledigten Gemütszustand geronnen sind. Das bedeutet drittens, dass die Objekte und Wesen der Außenwelt in unterschiedlichen Maßen mögliche Anlässe für eine gefühlte Kränkung und Verletzung, für einen Schmerz der Zurücksetzung werden können und sich mit eine Existenz- oder Lebensneid, mit einem brennenden Mangel an Sein spürbar machen, wobei das Gedächtnis als selbstverstärkender Mechanismus solcher Leiden funktioniert. Und diese Beeinträchtigung verknüpft sich nicht nur mit einer Verkehrung des wertesetzenden Blicks, die selbst schöpferisch wird und Werte hervorbringt, sondern mit einer Neigung zur Delegierung, mit einem Interesse an der Abgabe von Aktivitätsreserven, mit einer Art <Punitivismus> oder Straffreudigkeit, die an höhere Mächte und Instanzen zur Schädigung oder Bändigung der anderen appelliert. Schließlich und viertens wird dabei ein Konkretismus aufgerufen, eine Vorliebe für vermeintliche , unmittelbar greifbare Verkörperungen, mit der man Zurechnungen und Verantwortlichkeiten verteilt, eigene Nachteile mit fremden Vorteilen verrechnet, Schuldige identifiziert und selbst das, was womöglich <den Verhältnissen> zukommt, noch personalisiert: <<Irgend jemand muss schuld daran sein, dass ich mich schlecht befinde.>> Kausalreflexe und Evidenzen werden gegenüber Ursachenforschung privilegiert, das Ressentiment kommt mit der Ungewissheit von Verursachungen nicht zurecht.

Man kann die Exemplare des Ressentiments also durchaus <<Gewinnler und Profitler schlechthin>> nennen und das Ressentiment selbst eine Moral des Ökonomischen (oder ökonomisches Moralprinzip) überhaupt; aber mehr noch: das Ressentiment als reflektierender Affekt, als eigentümliche, senti-mentale Mixtur aus rechnender Vernunft und toxischen Empfindungen, konnte eine gewisse Konkunktur oder Übermacht nur unter der Voraussetzung erhalten, dass mit ihm der Anspruch auf Profite, Vorteile, Gratifikationen und Entschädigungen von einem bloßen Gedanken oder punktuellen Appetit zu einem <<umfassenden System>>, zu einem allgemeinen sozialen und ökonomischem <<Mechanismus>> geworden ist […], einem “wesentlichen Beitrag zur Ausbildung eines <<kapitalistischen Geistes>> […] und […] ergiebige[n] Ressource für die Funktionsweise von Eigentums- und Konkurrenzgesellschaften[…].“

„Wenn man dabei das Ressentiment nicht als Subjektbefinden und Seelenzustand, sondern wiederum als Beziehungsgefüge, Kommunikationsweise und in seiner systemischen und systematischen Dimension in Rechnung stellt, liegen seine Wurzeln, sein Entzündungsherd und sein Kapital vor allem in einem spezifischen Vergleichs- und Relationszwang, in einem Reflex zu Valorisierung und Bewertung, in einer wuchernden Urteilslust.“

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