

(Aus Byung-Chul Han: „Psychopolitik. Neoliberalismus und die neuen Machttechniken“):
„Die Machttechnik des neoliberalen Regimes nimmt eine subtile, geschmeidige, smarte Form an und entzieht sich jeder Sichtbarkeit. Das unterworfene Subjekt ist sich hier nicht einmal seiner Unterworfenheit bewusst. Ihm bleibt der Herrschaftszusammenhang ganz verborgen. So wähnt er sich in Freiheit.“ […] „Die smarte Macht schmiegt sich der Psyche an, statt sie zu disziplinieren und Zwängen oder Verboten zu unterwerfen. Sie erlegt uns kein Schweigen auf. Vielmehr fordert sie uns permanent auf, mitzuteilen, zu teilen, teilzunehmen, unsere Meinungen, Bedürfnisse, Wünsche und Vorlieben zu kommunizieren und unser Leben zu erzählen. Diese freundliche Macht ist gleichsam mächtiger als die repressive Macht.“ […] „Der Like[resp. Hate-, Erg. d. Verf.]-Button ist ihr Signum. Man unterwirft sich dem Herrschaftszusammenhang, während man konsumiert und kommuniziert, ja während man Like[resp. Hate-, Erg. d. Verf.]-Buttons klickt. Der Neoliberalismus ist der Kapitalismus des Gefällt-mir.[resp. Ich-hate, Erg. d. Verf.]“
(a.a.O. S. 26ff.)
„Jedes Dispositiv, jede Herrschaftstechnik bringt eigene Devotionalien hervor, die zur Unterwerfung eingesetzt werden. Sie materialisieren und stabilisieren die Herrschaft. Devot heißt unterwürfig. Das Smartphone ist eine digitale Devotionalie, ja die Devotionalie des Digitalen überhaupt. Als Subjektivierungsapparat fungiert es wie der Rosenkranz, der in seiner Handlichkeit auch ein Art Handy darstellt. Sie beide dienen zur Selbstprüfung und Selbstkontrolle. Die Herrschaft steigert ihre Effizienz, indem sie die Überwachung an jeden einzelnen delegiert. Like [resp. Hate-, Erg. d. Verf.] ist digitales Amen. Während wir Like [resp. Hate-, Erg. d. Verf.] klicken, unterwerfen wir uns dem Herrschaftszusammenhang. Das Smartphone ist nicht nur ein effektiver Überwachungsapparat, sondern auch ein mobiler Beichtstuhl.“
(a.a.O. S.23)
„Das neoliberale Regime setzt Emotionen als Ressourcen ein, um ein mehr an Produktivität und Leistung zu erzielen.[…] Objektivität, Allgemeinheit und auch Beständigkeit zeichnen die Rationalität aus. So ist sie der Emotionalität entgegengesetzt, die subjektiv, situativ und volatil ist. Emotionen entstehen vor allem beim Wechsel der Zustände, bei Veränderungen der Wahrnehmung. Rationalität geht dagegen mit Dauer, Konstanz und Regelmäßigkeit einher. Sie bevorzugt stabile Verhältnisse. Die neoliberale Ökonomie, die zur Steigerung der Produktivität immer mehr Kontinuität abbaut und mehr Unbeständigkeit einbaut, treibt die Emotionalisierung des Produktionsprozesses voran. Auch die Beschleunigung der Kommunikation begünstigt deren Emotionalisierung, denn die Rationalität ist langsamer als die Emotionalität. Sie ist gleichsam ohne Geschwindigkeit. So führt der Beschleunigungsdruck zu einer Diktatur der Emotion.[…] Emotionen sind in dem Sinne performativ, dass sie bestimmte Handlungen evozieren. Als Neigungen stellen sie die energetische, ja sinnliche Grundlage der Handlung dar. Emotionen werden vom limbischen System gesteuert, in dem auch die Triebe sitzen. Sie bilden jene präreflexive, halbbewusste, körperlich-treibhafte Ebene der Handlung, deren man sich häufig nicht eigens bewusst ist. Die neoliberale Psychopolitik bemächtigt sich der Emotion, um Handlungen auf dieser präreflexiven Ebene zu beeinflussen. Über Emotion greift sie tief in die Person ein. So stellt sie ein sehr effizientes Medium der psychopolitischen Steuerung der Person dar.“
(Aus Joseph Vogl, „Kapital und Ressentiment“, S. 157ff.):
„Die Zirkulation von Information ist zur paradigmatischen Form kapitalistischer Ökonomie geworden.“ […] „Im Zeichen des gegenwärtigen Informationskapitalismus werden Seins- und Weltverhältnisse aus der Perspektive ihrer Bewirtschaftung kodiert und dargestellt.“[…]“Dabei wurde schon früh eine relevante Verknüpfung von Affekten und Passionen mit ökonomischen Prozessen und Marktsystemen konstatiert. Ältere Todsünden bzw. Hauptlaster wie […] Geiz, Neid oder Ausschweifung werden nun positiv gewendet und von der Feststellung begleitet, dass sich nicht die maßvollen Neigungen, sondern viel eher die maßlosen als wirklich erfinderisch, listig, schöpferisch und produktiv erweisen; […] Die Beobachtung einer systemischen und produktiven Verkopplung von Affekten und Ökonomie bzw. Marktprozessen reicht von der Funktionalität ehemaliger Sündenregister […] bis hin zu einer neueren Variante, die Karl Marx die <<abstrakte Genußsucht>> des Kapitalisten nannte. Er meinte damit einen enthemmten Bereicherungstrieb, welcher das soziale Feld durchdringt […]. Parallel dazu wurde seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter einer anderen Begriffsprägung eine ähnliche Affektlage und ein verwandter Seinsmangel entdeckt, in dem sich ein enthemmtes ökonomisches Streben mit der Erbschaft des alten Lasterkatalogs verschränkt.[…] Für die zeitgenössiche Analytik des Ressentiments wurde [vielmehr] ein allgemeines Ökonomieprinzip reklamiert, das man direkt auf die Epoche einer expandierenden Kapital- und Finanzwirtschaft in Europa, auf […] das Subjektformat eines modernen Wirtschaftsmenschenbeziehen wollte […], eine Spur [aus], die auf ein effizientes Wechselverhältnis zwischen der Zirkulation von Ressentiments und Kapitalismus verweist. Dabei sollte man zunächst einige Elemente in Erinnerung rufen, die seit Nietzsche für die Charakteristik ressentimentaler Strukturen namhaft gemacht wurden und sich über die verschiedenen Untersuchungen und Positionen hinweg erhalten haben. Dazu gehört erstens ein eigentümlich gebrochene Selbstaffirmation des Ressentiment-Subjekts, die sich nur als Resultat eines unbedingten Neins zu einem <<Außerhalb>>, zu einem <<Anders>>, zu einem <<Nicht-Selbst>> vollzieht und so also einer negativen Ableitung folgt. Mit dieser Umkehrung einer Negation zu einer verneinenden Selbstbejahung ist zweitens eine Verschiebung von Kräften verbunden, in der Aktion durch Reaktion und diese durch Hemmung ersetzt wird und damit eine passive Aktivität, in einen erzwungenen oder selbst auferlegten Handlungsstau, also eine Kultivierung von Ohnmacht mündet. Im Re- des Ressentiments […] wird signalisiert, dass blockierte (Re-)Aktionen zu einem Dauerhaften und unerledigten Gemütszustand geronnen sind. Das bedeutet drittens, dass die Objekte und Wesen der Außenwelt in unterschiedlichen Maßen mögliche Anlässe für eine gefühlte Kränkung und Verletzung, für einen Schmerz der Zurücksetzung werden können und sich mit eine Existenz- oder Lebensneid, mit einem brennenden Mangel an Sein spürbar machen, wobei das Gedächtnis als selbstverstärkender Mechanismus solcher Leiden funktioniert. Und diese Beeinträchtigung verknüpft sich nicht nur mit einer Verkehrung des wertesetzenden Blicks, die selbst schöpferisch wird und Werte hervorbringt, sondern mit einer Neigung zur Delegierung, mit einem Interesse an der Abgabe von Aktivitätsreserven, mit einer Art <Punitivismus> oder Straffreudigkeit, die an höhere Mächte und Instanzen zur Schädigung oder Bändigung der anderen appelliert. Schließlich und viertens wird dabei ein Konkretismus aufgerufen, eine Vorliebe für vermeintliche , unmittelbar greifbare Verkörperungen, mit der man Zurechnungen und Verantwortlichkeiten verteilt, eigene Nachteile mit fremden Vorteilen verrechnet, Schuldige identifiziert und selbst das, was womöglich <den Verhältnissen> zukommt, noch personalisiert: <<Irgend jemand muss schuld daran sein, dass ich mich schlecht befinde.>> Kausalreflexe und Evidenzen werden gegenüber Ursachenforschung privilegiert, das ressentiment kommt mit der Ungewissheit von Verursachungen nicht zurecht.
Man kann die Exemplare des Ressentiments also durchaus als <<Gewinnler und Profitler schlechthin>> nennen und das Ressentiment als eine Moral des Ökonomischen“[…] „eigentümliche, senti-mentale Mixtur aus rechnender Vernunft und toxischen Empfindungen,“ […]“wesentlichen Beitrag zur Ausbildung eines <<kapitalistischen Geistes>> […] und […] ergiebige[n] Ressource für die Funktionsweise von Eigentums- und Konkurrenzgesellschaften[…].“
„Wenn man dabei das Ressentiment nicht als Subjektbefinden und Seelenzustand, sondern wiederum als Beziehungsgefüge, Kommunikationsweise und in seiner systemischen und systematischen Dimension in Rechnung stellt, liegen seine Wurzeln, sein Entzündungsherd und sein Kapital vor allem in einem spezifischen Vergleichs- und Relationszwang, in einem Reflex zu Valorisierung und Bewertung, in einer wuchernden Urteilslust.“



















